Kijutsu®
 

...kommt aus dem Japanischen und setzt sich aus den beiden Begriffen Ki und Jutsu zusammen.

Ki bedeutet: Energie, Lebensenergie, Vitalität
Jutsu hat die Bedeutung: Üben, Tun, Ausführen

 


Einfache Ki-Übungen sind die Basis des Kijutsu (und auch der Ki-Therapie): 
Der kraftvolle Schlag des Angreifers (links) wird durch einen Gegenschlag
(welcher elastisch ist) entgegnet, somit wird die Aggression  in den
Angreifer reflektiert, er  schlägt sich "mit der eigenen Kraft" (ca. 1977)

 

Wie das Kijutsu entstand

Im Jahr 1970 habe ich als dessen Begründer auf Grund meiner Erfahrungen, insbesondere im Unterrichten von Kindern, Jugendlichen, Frauen und Männern sowie zahlreicher Budoka aus verschiedensten Verbänden in den von mir gelehrten Kampfkünsten wie z.B.: Judo, Aikido, Ju-Jitsu, Kendo, Naginata-Do, Iaido und Karate auf der Basis meines medizinischen Wissens als Arzt erkannt, dass die meisten technischen Bewegungen in diesen Kampfkünsten langfristig zu einer zu hohen Belastungen für den Körper führen und somit u. a. Stoffwechsel- und Hormonstörungen auftreten. Desweiteren beobachtete ich nicht altersgemäße Abnutzungserscheinungen der Gelenke bei Personen mit langem, intensiven Training.

 Deshalb suchte ich ein medizinisch fundiertes neuartiges Verteidigungssystem, das auf normaler Physiologie und Bewegung des Körpers basiert und sowohl zur Verteidigung als auch im Berufs- und Alltagsleben sowie zur Behandlung kranker Menschen geeignet ist. Außerdem sollte dieses in jeglicher Art von Arbeit und Freizeit (z. B. Medizin, Handwerk, Kampfkunst, Bildende Künste usw.) anwendbar sein.

Nachdem dieses System von mir entwickelt worden war, stand ich vor der Aufgabe, einen adäquaten "Ausdruck" hierfür zu finden.

Die gefundenen Übungen zeigten den gleichen hochenergetischen Effekt wie er im japanischen Ki (Energie) beobachtet wird.

Somit musste ich nun noch einen Begriff für die Anwendung in sämtlichen Bereichen finden: Jutsu war hierfür das korrekte japanische Wort.

Die Zusammenführung der beiden Worte im Begriff Kijutsu wurde von einem bekannten japanischen Kalligraphiemeister und seinem deutschen Schüler, W. Höhn, als korrekt im Sinne der japanischen Sprache beurteilt und sie schufen für mich die ersten Kalligraphien mit diesem Zeichen.

In den folgenden Jahren gab ich zahlreiche Lehrgänge, auch auf Einladung von international bekannten Großmeistern und Budo-Organisationen und das Kijutsu wurde von mir unter anderem in Schottland, England, Dänemark, Holland, Belgien, Frankreich, Schweiz, Österreich, Italien, Griechenland und den USA gezeigt und unterrichtet.

Die ursprünglichen Beobachtungen, dass rein technische Bewegungen wie Fauststöße, Fußtritte, Würfe und Hebelarme etc. zu negativen Veränderungen im menschlichen Körper führen können , bestätigte sich dann auf sehr deutliche Weise:

Als ich viele Jahre später, im Jahr 1993, offiziell vom Sokeship Council in Amerika als Soke (Begründer eines neuen Stiles) eingeladen und als Mitglied aufgenommen wurde, traf ich dort auf eine ganze Anzahl alter Meister - oft jünger als ich selbst - die auf Grund ihrer jahrzehntelangen technischen Übungen erhebliche Probleme mit ihrem Kreislauf (Infarkte) und Bewegungsapparat hatten (Arthrosen).

 

Hintergrund des Kijutsu

Es gibt eine Reihe von so genannten weichen Stilen besonders in den Kungfu-Stilen, deren Wirkung nicht auf Schnelligkeit oder Härte bzw. Stärke beruht; sie werden im Gegenteil weich und geschmeidig ausgeführt. Der Effekt, der hier zum Tragen kommt, wird als Energie = Ki (Chi) bezeichnet, so wie im Kijutsu. Nun entspricht unser Körperbau in seinen Proportionen nicht dem eines Asiaten, wenn es sich auch in letzter Zeit zeigt, dass junge Asiaten mit ähnlichen Körperproportionen wie die Europäer heranwachsen. Dies kann durchaus an den heute ähnlicheren Lebensgrundlagen und der modernen Ernährung liegen.
Der Unterricht erfolgt aber bisher durch die "alte Generation", die in ihrer Statur vorwiegend kleinen Meister und Großmeister. Der Japaner hatte beispielsweise bisher ein Verhältnis Kopf zu Körper von 1:6, bei uns ist dieses Verhältnis meistens 1:7. Somit muß das "Hara" bei den Asiaten eine andere Lokalisation im Körper haben als bei uns, was ich letztlich auch nachweisen konnte. Die Arme sind beim Asiaten deutlich kürzer als beim Europäer, die durchschnittliche Körpergröße der Japaner beträgt ca. 165 cm, die der Europäer, insbesondere der Deutschen, wird in der Literatur mit ca. 175 cm angegeben.
Hinzu kommen noch andere geometrische Einflüsse, die mich darin bestätigten, dass wir uns nicht an die Bewegungsgeometrie der Asiaten anpassen dürfen. Außerdem ist ihr Wissen und Können nicht unbedingt auf unseren Kulturkreis und unsere Denkweise übertragbar.
Auf Grund weiterer Überlegungen und Untersuchungen stellte sich für mich heraus, dass sich die asiatische Vorstellung von Ki (Chi) für meine Selbstverteidigung das Kijutsu und der damals ebenfalls von mir entwickelten Therapieform "Ki-Therapie" nicht eignete. Die dahinter stehende Philosophie und Lebenseinstellung ließ sich nicht auf den durchschnittlichen Schüler und den normalen Patienten übertragen. Deshalb erarbeitete ich eine für die westliche Denkweise und Kultur erfahrbare und erfassbare Erklärung. Der Effekt des Ki blieb jedoch derselbe, weshalb der Begriff Kijutsu weiterhin Bestand hatte.

 

Was ist Kijutsu?

Das Ki - in meinem Verständnis - besteht darin, dass im Moment des Geschehens der Übende einen Zustand anstrebt, in dem Verstand, Gefühl und Körper in einem gleichwertigen Verhältnis zu einander stehen und keiner der drei die Führung hat. Nur in diesem Moment - und dieser ist für einen Erwachsenen in der Regel nicht lange aufrecht zu erhalten - ist er im „Ki“.

Kleinkinder haben viel Ki, da sie immer als Gesamtpersönlichkeit handeln, sich nicht ablenken lassen und deshalb im "Tun" Körper, Verstand und Gefühl vollständig "beieinander haben"!

Zum Verständnis, eine - wenn auch grobe - Verallgemeinerung:

Intellekt oder Verstand: Ingenieur
Körper oder Muskulatur: Maurer
Gefühl oder Spüren: Pianist

Auf Grund der Berufsbedingungen sind bei diesen Beispielen die Momente "im Ki zu sein" allenfalls sehr selten. Der Ingenieur sitzt eher am Computer und hat im Beruf nur wenig Möglichkeiten, körperlich tätig zu sein, allenfalls benötigt er noch eine Spur Gefühl für Materialien und Abläufe; der Maurer ...

 

Kijutsu in Unterricht und Alltag

Der Schüler beginnt mit einfachen Übungen und Bewegungen, die dem Alltagsleben entnommen werden und versucht, sich aus seiner bisherigen Bewertung in dieser Situation zu lösen. Dies ist nur möglich, wenn er die Grundbedingung des Ki-Zustandes in sich erfüllt und zwar, die Gleichwertigkeit von Verstand, Körper und Gefühl herzustellen.

Auf Grund der Übungserfahrungen bekommt der Schüler bereits nach kurzer Zeit ein besseres und stabileres Selbstwertgefühl, da er seine eigene Leistungsfähigkeit mit neuen Augen sieht. Die Übungen lassen sich einerseits "von der Matte" in der Regel nahtlos in seinen Alltag übertragen, d. h. in seinen Beruf oder die Schule bzw. das Privatleben.

Wichtig ist , dass andererseits die im Alltag gewonnenen Erfahrungen vom Schüler direkt in den Unterricht eingebracht werden und er in der Folge beginnt, ganz von allein nach neuen Übungswegen zu suchen.
Jeder Schüler wird von mir angeleitet, sein eigenes persönliches und ganz individuelles Ki zu finden, da er ja auch ein individuelles Leben führt. Im Gegensatz zum traditionellen technischen Unterricht mit standardisierten Bewegungen wird im Kijutsu die individuelle Bewegung gefördert bzw. verlangt.
Die Schüler stehen bald den Gegebenheiten und Problemen des Alltags, den „Dingen des Lebens“, gelassener und distanzierter gegenüber und sind nicht mehr so einfach manipulierbar; sie gestalten ihr Leben auf der Basis des Ki.
Das Kijutsu ist eine Selbstverteidigung, die Auseinandersetzung nicht sucht, sondern in erster Linie vermeidet. Dies ist möglich, da der Schüler bzw. Meister sich nicht von der Situation gefangen nehmen lässt und auf Aggressionen gelassen agiert; er reagiert nicht auf die Gewalt, sondern geht mit ihr kontrolliert und bewusst um.

Der Partner drückt die Frau stark an die Wand. Ihre Berührung seiner Ellbogen irritiert die Muskulatur, und obwohl er seine Armkraft spürt, kann er diese nicht mehr kontrollieren. In der Folge kann sie den wesentlich stärkeren und größeren Partner einfach wegstoßen. Zu beachten sind die entspannten Hände, kein Fassen oder Drücken! (ca.2008)



Kijutsu und traditionelles Budo

Es werden im Kijutsu - als System - keine Techniken geübt, sondern vorwiegend die selbstverständlichen alltags- und berufstypischen Bewegungen verwendet und die darin enthaltenen Möglichkeiten für die Selbstverteidigung gezeigt. Somit ist der Schüler in der Lage, ständig zu üben, auch wenn er nicht im Dojo oder auf der Matte ist.
Als Ausnahme gilt, dass fundierte Kenntnisse im Karate oder in anderen Budo-Stilen zum Verständnis der Angriffsmöglichkeiten im Unterricht gezeigt und gelehrt werden. So wird von den höher graduierten Meistern des Kijutsu ein weitgehendes Wissen in anderen traditionellen Kampfkünsten verlangt.
Um dem Schüler die Möglichkeit zu geben, seine Ki-Fähigkeiten fundiert weiterzuentwickeln, hat es sich als sinnvoll herausgestellt, zum Angriff Faust- und Fußtechniken des Karate (Shotokan), Wurfansätze und Halttechniken aus dem Judo bzw. Jujitsu sowie Waffen (Stock, Messer) anzuwenden.
Karate ist als Angriffsform besonders geeignet, da die Techniken eindeutig und schnell sind und der sich verteidigende Schüler somit wenig Zeit hat, sich darauf einzustellen. Entweder er ist „im Ki“ und der Angriff wird "so nebenbei" abgewehrt oder neutralisiert oder er wird getroffen, denn Schmerz in Maßen ist auch ein guter Lehrmeister.

Je stärker der Angriff ist, umso mehr kehrt die eigene Aggression (Negativenergie) in den Angreifer zurück, denn sie wird vom sich Verteidigenden reflektiert oder abgelenkt, wenn er im Ki ist. Je größer der Energieunterschied der Beteiligten ist - hier der schnelle und starke Angriff - dort die ruhige und eher langsame und eher selbstverständliche Verteidigung - desto mehr Energie wird frei und trifft den Angreifer. Er bekämpft sich selbst!
Im Rahmen des fachübergreifenden Unterrichtes werden in anderen Budoorganisationen Ki-Möglichkeiten in den dort gelehrten Kampfkünsten gezeigt und auch gelehrt.

Beispiel:
Es hat sich gezeigt, dass es nicht stimmig ist, dass Masse, Kraft und Geschwindigkeit ausschlaggebend sind um in der Verteidigungssituation effektiv zu sein. Besser sind die innere Distanz zur Situation, die Klarheit des Erkennens der eigenen Möglichkeiten und Fähigkeiten und die Eindeutigkeit im Denken und Handeln.
Wenn Sie dieses verstehen, dann kommen Sie dem Prinzip des Kijutsu schon näher.

 

Die ankommende Energie der fassenden Hände (von rechts kommend) wird in den Angreifer zurückgeführt. Da ich (links im Bild) nicht ausweiche,muß die Energie nach oben abfließen und der Angreifer fliegt durch seinen eigenen Schwung nach oben. (ca. 1978)



Um es noch weiter zu erklären:
Ki besteht in dem Moment, wenn Körper, Verstand und Gefühl gleichwertig in einer Person vereinigt sind und sie nur das tut, was jetzt notwendig ist. Nicht mehr und nicht weniger.
Gelingt dies dem Schüler, dann kann er mit der Kraft, der Energie und der Aggressivität des Angreifers weitgehend beliebig umgehen.
Ein Meister muß seinen Schüler auf den Weg zu seinem persönlichen Ki führen, seine Fehler und Fehlinterpretationen erkennen und diese durch entsprechende Anweisungen und gezielte Ki-Übungen beseitigen helfen.

Kijutsu kann man nicht durch ein Buch oder ein Video verstehen. Ausschließlich die eigenen Übungserfahrungen, die man selbst in sich erlebt und anschließend verarbeitet hat, bringen den Zugang.

„Möge die Übung gelingen“ heißt es oft im Zirkus.

Im Kijutsu ist es ähnlich: Jede gelungene Übung ist eine Erfahrung, die man nie wieder verlernt.
Schön, wenn es geklappt hat!

 

Aber: Ob die nächste Übung dann auch gelingt....? Der Alltag wird es zeigen.

Prof. Hanns von Rolbeck, Soke Kijutsu

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